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Christoph Schwarz - Interview & Kuratierung
ALL BUILDINGS ARE BEAUTIFUL handelt von Menschen: von denen, die die Alte WU geplant und gebaut haben, die sie jahrelang genutzt haben, vor allem aber von denen, die sie gegen einen frühzeitigen Abriss retten wollen. Mir war von Anfang an klar, dass in einem Film über ein Gebäude diese Menschen eine große Rolle spielen – und ich sie sichtbarer machen kann, wenn ich sie nicht zeige.
Christoph Schwarz, August 2026
Hier gehte es direkt zu den Filmempfehlungen des Regisseurs am Ende des Beitrags.
Christoph, Du wirst oft als „Filmemacher & Klimaaktivist“ angekündigt. Von wem stammt ALL BUILDINGS ARE BEAUTIFUL?
Von beiden! Ich würde sagen, ich bin ein Filmemacher, der durch die Brille eines Klimaaktivisten auf die Welt blickt. Oder, um die Dramatik auf den Punkt zu bringen: es ist eher umgekehrt, es wirkt auf mich so, als würden die politisch Verantwortlichen und die Mehrheitsgesellschaft ihre Brille absichtlich abnehmen, um die offensichtlichen Widersprüche zwischen Schein und Sein in Punkto Klimapolitik nicht mehr sehen zu müssen. Die inhaltliche Überzeugung des Klimaaktivisten beeinflußt die Arbeit des Filmemachers stark: ich arbeite mit dem, was da ist. Es gibt keinerlei Bestrebungen, einen Drehort großartig zu inszenieren. Ich erfinde keine Protagonist:innen, ich arbeite mit den Geschichten, die mich in dem Jahr in dem Gebäude erreicht haben und den Protestbotschaften, die auf dem Gebäude hinterlassen wurden.
Seit wann beschäftigst Du dich mit der Alten Wirtschaftsuniversität?
Dafür, dass ich fast 20 Jahre am Alsergrund gelebt habe, eigentlich erst seit kurzer Zeit. Erst als es mit der Zwischennutzung für Kunstateliers begann, wurde es zu einem Anknüpfungspunkt. Da hab ich das Gebäude als mögliches Atelier im Kopf gehabt und 2023 einigen Szenen für SPARSCHWEIN dort gedreht. Als es klar war, dass das Gebäude abgerissen wird, wusste ich, dass ich einen Film darüber drehen möchte, und dass ich dafür dort ein Studio brauche, um den Ort besser zu verstehen.
Diese Herangehensweise erinnert auch DIE BESTE STADT IST KEINE STADT, wo es um eine Notkirche im Stadterweiterungsgebiet geht. Was fasziniert dich an Gebäuden?
Es geht wohl eher um den sozialen Raum, der durch Gebäude geschaffen und strukturiert wird, an den hermetisch abgeschlossenen Rahmen, den jede Geschichte braucht. Die Herangehensweise, dass ich als Filmemacher Zeit an einem Ort verbringe, und Dreharbeit, Recherchearbeit, Textarbeit und Postproduktion gleichzeitig passieren und zusammenfließen ist in meinen Kurzfilmen ganz oft zu bemerken. Und das Gebäude ist Stellvertreter für unseren Umgang mit der Klimakrise, das Gebäude macht gesellschaftliche Dispositionen erst sichtbar.
Wie kam es zu dem Titel?
Aktivist:innen haben mehrfach sehr effektiv am Gebäude mittels Textbotschaften gegen den Abriss protestiert. Einer dieser Slogans war auch ALL BUILDINGS ARE BEAUTIFUL, genau so, wie es in der Titelsequenz auch vorkommt. Der Titel bringt es auf den Punkt, was ich sagen will: in der Klimakrise müssen wir mit dem arbeiten, was da ist, ästhetische Entscheidungen im Umgang mit gebauter Umwelt können wir uns nicht leisten. Umbau und Weiterbau, der Remix muss zur Pflicht werden. Die kleine Referenz auf das linke Standardgraffiti ACAB steht für mich wie eine Neudefinition von Widerstand: Es geht nicht mehr nur um die Verhinderung eines Abrisses im Sinne der Hausbesetzer:innenszene, à la „Die Häuser denen, die drin wohnen,” sondern auch um den Erhalt von Bausubstanz aus Klimagründen.
Was sich durch all deine Filme zieht ist der Einsatz einer Offstimme aus deiner Perspektive. Diese Offstimmen geben sich gerne persönlich, stellen sich aber auch als unzuverlässige Erzähler heraus, was die Grenze zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm zuverlässig verwischt. Das Thema von ALL BUILDINGS ist ja ein handfestes, und soweit ich informiert bin, sind die Fakten, die in dem Film vorgetragen werden, klar recherchiert. Bist Du jetzt Dokumentarfilmer geworden?
Ich arbeite eigentlich immer dokumentarisch, das heißt, ich verwende z. B. keinen Aufwand auf die Herstellung eines Szenenbildes, sondern arbeite mit dem, was da ist. Was ja auch wunderbare Weise auf formaler Ebene das widerspiegelt, was der Film inhaltlich fodert. Meine Protagonist:innen bleiben durch die Nennung von Vornamen verrätselt, aber sind real existierende Menschen, deren Aufeinandertreffen mit unserer Protagonistin in fiktive Situationen geschildert werden, die ich mir im Nachhinein aber natürlich freigegeben habe lassen. Aber natürlich ist es intendentiert, dass sich das Publikum darüber gerne seine Gedanken machen darf, was hier imaginiert ist. Kann man der Geschichte trauen, dass ein Security die geheimen Sorgen des Gebäudes in Worte fasst? Gibt es in Indonesien wirklich eine Kultur, in der Gebäude heilig sind und nicht abgerissen werden dürfen? Ich möchte ein wachsames Publikum, das mitdenkt.
Wie schon in DIE BESTE STADT IST KEINE STADT trägt das Sounddesign von Matthias Peyker viel zum Film bei. Was war eure Herangehensweise?
Matthias hat auch bei meinem ersten Langfilm SPARSCHWEIN das Sounddesign gemacht. Wir haben mittlerweile viel Erfahrung in der Zusammenarbeit. Ich kann mich voll darauf verlassen, dass er die passende Atmosphäre schafft, die zwischen den Bildern und der Offerzählung vermittelt. Ausgangspunkt für den Soundtrack war dieser Zukunftsoptimismus der 1980er-Jahre, die Idee der retrofuturistischen Raumstation, die man kosteneffizient einfach nur durch eine umgedrehte Kamera imitieren kann.
Tust Du der politischen Auseinandersetzung um das Gebäude etwas Gutes, wenn Du mit Imagination und Poesie arbeitest?
Ein knallharter journalistischer Beitrag aus einer klimapolitischen Perspektive das Gebäude betreffend sieht natürlich anders aus. Man darf auch nicht vergessen, dass ich mit einer klaren Meinung zu dem Gebäude in das Projekt gegangen bin und absolut parteiisch argumentiere. Ich habe auch nicht das Gespräch mit den diversen Unirektor:innen gesucht, um den Druck zu verstehen, dem sie ausgesetzt sind, eine adäquate Forschungsumgebung zu schaffen. Und natürlich könnte man einen Film auch nur damit füllen, zu zeigen, was an den Bestandsgebäuden nicht mehr funktioniert, was von Anfang an schlecht geplant war. Ich sehe den Film im klassischen Sinne als Essayfilm, der eine Meinung hat, der über die eigene Herangehensweise reflektiert, aber der nicht nach journalistischen Maßstäben arbeitet.
INLANDvon Ulli Gladik Ein Film, der sich viel Zeit nimmt, die Beweggründe und Lebensumstände von FPÖ-Wähler:innen zu verstehen, erscheint mir aktueller denn je. Ich war auch beim erneuten Wiedersehen des Films beeindruckt von Ulli Gladiks Regiezugang, die ihren Protagonist:innen viel Raum gibt, aber immer wieder mit ihren Fragen klug nachhakt und damit Widersprüche herausarbeitet, ohne ihre Gesprächspartner:innen abzuwerten. |
DER TOTE WINKEL DER WAHRNEHMUNGvon Michael Gülzow Bin total zufällig auf diese Mockumentary gestoßen, weil einige Szenen in der Alten WU gedreht wurden, über die ich selbst gerade meinen Film ALL BUILDINGS ARE BEAUTIFUL gemacht habe. Ich habe bis jetzt nicht verstanden, wie Michael Gülzow und sein Team es geschafft haben, die 1990er-Jahre so glaubwürdig in einem gleichermaßen skurrilen wie beklemmenden Plot zurückzuholen. Ein Meisterstück, das sich noch viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat. |
VERAvon Tizza Covi & Rainer Frimmel Tizza Covi und Rainer Frimmel sind meine absoluten Vorbilder, wie unabhängiges Filmemachen funktionieren kann. Sie arbeiten oft nur zu zweit am Set und entwickeln gemeinsam mit ihren Freund:innen Geschichten, die immer extrem unterhaltsam und clever gebaut sind. Man kann sich alle Filme von ihnen anschauen, am besten hat mir Vera und Der Glanz des Tages gefallen. |
ATELIER DE CONVERSATIONvon Bernhard Braunstein Ein Film über Menschen in seiner pursten Form: Wir dürfen zuschauen, wie auf Französisch Konversation betrieben wird und werden reich beschenkt mit Geschichten. In Zeiten, wo man seinen Glauben an die Menschheit auch verlieren kann, ist dieser Film ein großes Statement dafür, dass wir warmherzig und neugierig aufeinander zugehen können. Tolles, mutiges Konzept, das komplett aufgegangen ist. |
FTWTF – FEMALE TO WHAT THE FUCKvon Cordula Thym & Katharina Lampert Transsexualität ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, war zu dem Zeitpunkt, als der Film entstanden ist, eher noch ein Randthema. Ich habe ihn aber erst vor Kurzem gesehen und finde, dass er sehr gut gealtert ist. Kluge, unglaublich intime, ehrliche Interviews über Geschlechtsidentität und die Transition, die noch lange bei mir nachhallen. |
JETZT ODER MORGENvon Lisa Weber Ich bin seit ihren ersten Kurzfilmen ein großer Fan von Lisa Weber und finde es unglaublich, wie sie es geschafft hat, dieser portraitierten Familie so nahe zu kommen. Der Film ist unterhaltsam und berührend gleichermaßen, man mag jeden Menschen und packt die Situationen, in die sie sich bringen, dann doch wieder nicht. |
GUARDIANS OF THE EARTHvon Filip Antoni Malinowski Für mich war das neuerliche Schauen dieses Films der blanke Horror, wenn man bedenkt, wie wenig in den 11 Jahren seit dem Paris Klimaabkommen in Sachen Klimaschutz weitergegangen ist. Man erlebt hautnah mit, wie die Länder, die vom Klimawandel am stärksten betroffen sind, auf der Weltklimakonferenz 2015 für eine Begrenzung der Erderhitzung auf 1,5° bis zum Jahr 2100 kämpfen – und hat im Hinterkopf, dass wir mittlerweile über dieses Ziel schon 2030 hinausschießen werden. |
LOVE STEAKSvon Jakob Lass Das erste Mal, dass ich Franz Rogowski in einem Film gesehen habe und total begeistert war von ihm. Die ganze Machart, die improvisierten Dialoge, das dokumentarische Setting haben mich damals total umgehauen und inspiriert. Weitere Filme mit Franz Rogowski im VOD CLUB: |


DER TOTE WINKEL DER WAHRNEHMUNG
VERA
ATELIER DE CONVERSATION
FTWTF – FEMALE TO WHAT THE FUCK
JETZT ODER MORGEN
GUARDIANS OF THE EARTH
LOVE STEAKS